Alles smart oder was?

Schnell wird heute der Begriff „smart“ bei einer Produktbeschreibung hinzugefügt. Damit klingt das Ganze moderner und verkauft sich besser – so zumindest das Kalkül der Marketingstrategen. Aber was ist wirklich smart? Und in Bezug auf die inzwischen sehr unübersichtliche Angebotsvielfalt an „Smart-Home-Systemen“ – wie kann man diese noch unterscheiden? Sonst heißt es zu guter Letzt eher Plug-and-pray statt Plug-and-play.

Bild: scyther5 / Thinkstock

Gerne wird auf Hochglanzbroschüren der Hersteller propagiert, dass ein System smart sei, weil es über ein App steuerbar ist. Auch kursiert in der Öffentlichkeit der abschreckende Glaube, ein Smart Home sei nicht ohne Smartphone bedienbar – oft hört man: „Und wenn ich mein Smartphone verlege, kann ich noch nicht einmal das Licht einschalten und stehe im Dunkeln da.“ Dabei
ist ein „Home“ genau dann „smart“, wenn es nicht für jede Kleinigkeit die Interaktion mit dem Menschen und dessen Smartphone braucht. Ein echtes „smartes“ Gebäude sollte in der Lage sein, selbst zu entscheiden, wann das Licht ein- oder ausgeschaltet werden muss bzw. wann es sinnvoll ist, die Heizung abzusenken.
In fast allen Gebäuden gibt es regelmäßig wiederkehrende Verhaltensmuster der Nutzer. Dort bietet es sich an, der Automation im Vorfeld die angemessenen Verhaltensregeln zu hinterlegen und ihr damit ohne ständige Rückfragen zu ermöglichen, das Gebäude bzw. die technischen Einrichtungen richtig zu betreiben. Nur so wird gewährleistet, dass der Nutzer nicht ständig genervt wird. Das gilt insbesondere für Sicherheitsfunktionen. Ein Smart-Home-System, welches lediglich den Nutzer per Smartphone informiert, dass ein Einbruch stattfindet oder Wasser ausläuft, ist nur bedingt hilfreich. Wie realistisch ist es, dass der Nutzer die Information auch tatsächlich sofort liest und in der Lage ist, Maßnahmen in die Wege zu leiten?

Beratungskompetenz aufbauen

Ist es nicht sinnvoller, dass das Smart-Home-System selbst in der Lage ist, den Einbrecher zu verschrecken (Licht, Geräusche, Türklingel) oder den Wasserzulauf abzusperren? Echte Intelligenz kommt nicht über das Produkt, sondern über die Art und Weise, wie es geplant und ausgeführt wird. Das wiederum geht aber nur über einen kompetenten Fachbetrieb und nicht als Smart-Home-Starterpaket über das Internet und zukünftig womöglich auch beim Bäcker. Wer sich in diesem Umfeld als Fachbetrieb frühzeitig informiert und Beratungskompetenz aufbaut, hat gute Chancen, von diesem zunehmenden Markt zu profitieren. Allerdings nimmt das Angebot unterschiedlicher Systeme fast schon exponentiell zu. Welches Produkt sollte man nun einsetzen?
Gemäß Alexander Schaper, Geschäftsführer der SmartHome-Initiative Deutschland, gilt: „Das beste System ist das, welches meine Anforderungen [zuverlässig] umsetzt.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf, aber macht die Sache nicht einfacher. Immerhin steckt in dieser Aussage drin, dass man zur Bewertung von Smart-Home-Systemen die Anforderungen des Nutzers berücksichtigen muss. Das erklärt, warum es keine ultimative Rangliste geben kann. Nicht jeder will ein hochgradig intelligentes Gebäude – ein gewisser Grad an Automation genügt womöglich.

Was will eigentlich der Kunde?

Ein System, welches z. B. nur Licht und Steckdosen schalten kann, ist zwangsläufig weniger „smart“ als eines, welches auch die Verschattung ansteuern, die Heizung regeln und Einbrecher verschrecken kann. Wenn die erstgenannten Anforderungen dem Nutzer genügen, ist das weniger smarte System für eine Installation ausreichend und womöglich besser geeignet als ein funktionaleres und damit eventuell auch komplexeres und aufwendigeres System. Möglich und sinnvoll ist es, vorhandene Systeme dahingehend systematisch zu erfassen, welche Anforderungen man umsetzen kann. Das klingt komplizierter, als es ist, denn im Grunde hängen die meisten Funktionen davon ab, ob passende Sensoren oder Aktoren verfügbar sind und eingebunden werden können. Wer z. B. eine Raumtemperaturregelung umsetzen will, sollte ein System wählen, welches Raumbediengeräte mit Solltemperatureinstellung anbietet (sei es als Extragerät, sei es im Stellantrieb integriert). Wer eine Fußbodenheizung hat, sollte sich im Vorfeld versichern, dass der Anbieter nicht nur normale Heizkörper-Stellantriebe, sondern auch
passende Aktoren für Fußbodenheizung-Stellantriebe im Programm hat.

Was machen Aktoren?

Aktoren (Antriebselemente), oft auch wegen des englischen Begriffs actuator als Aktuatoren bezeichnet, setzen elektrische Signale (z. B. vom Steuerungscomputer ausgehende
Befehle) in mechanische Bewegung oder andere physikalische Größen (z. B.Druck oder Temperatur) um und greifen damit aktiv in den Prozess ein. In der Mess-,Steuerungs- und Regelungstechnik bezeichnen Aktoren das signalwandlerbezogene Gegenstück zu Sensoren und bilden die Stellglieder in einem Regelkreis. Sie setzen Signale einer Regelung in (meist) mechanische Arbeit um (Bewegungsregelung). Ein Beispiel ist das Öffnen und Schließen eines Ventils. Quelle: Wikipedia

Anforderungen systematisch erfassen

Wer zur Heizung Zeitprogramme hinterlegen will, sollte sich informieren, ob das jeweilige System entweder eine Zeitschaltuhr im Programm hat oder das als Funktion eines Controllers oder Servers unterstützt. Wenn gefordert ist, dass sich die Heizung bei Abwesenheit ausschaltet, benötigt man z. B. Präsenz- oder Bewegungsmelder, die auf die Heizungsaktoren wirken können. Wer möchte, dass sich die Heizung bei geöffneten Fenstern abschaltet, sollte sich vergewissern, dass das System Fensterkontakte oder Drehgriffsensoren anbietet, die tatsächlich auf die Heizungsaktoren wirken können. In einer Checkliste wurden die wesentlichen Fragen zum Thema Heizung zusammengestellt. In ähnlicher Form gibt es weitere Fragen zu Licht/Geräten, Verschattung und Sicherheit. Die Fragen lassen sich schnell mithilfe eines Produktkatalogs eines Herstellers oder im Gespräch mit einem Firmenvertreter ermitteln. Deshalb sollte die Erfassung eines Systems in weniger als 15 Minuten möglich sein.

Einsatzmöglichkeiten abgleichen

Alternativ zur Checkliste steht ein kostenloses Onlinetool unter  www.igt-institut.de (Rubrik Smarthome / Onlineerfassung) zur Verfügung, mit dem man genau diese Erfassung selbst durchführen kann. Die Eingaben können bequem über den PC am Arbeitsplatz erfolgen. Die Webseiten sind extra so gestaltet, dass sie auch unterwegs über einen Tablet-PC Bild 2 genutzt werden können. So können z. B. bei einem Messebesuch die Gespräche mit unterschiedlichen Firmen sofort protokolliert werden. Damit vermeidet man, dass man nach dem fünften Gespräch schon gar nicht mehr weiß, was man beim ersten Gespräch erzählt bekommen hat. Das Werkzeug ist so strukturiert, dass die Möglichkeiten der unterschiedlichen Gewerke Heizung, Licht, Verschattung etc. systematisch abgefragt werden. Dabei wird bewusst nach Möglichkeiten und nicht nach technologischen Details gefragt. Mit welcher Technologie die Funktionen umgesetzt werden, ist für den Nutzer und die Funktionalität zunächst egal. Der Vorteil des Systems ist, dass es nach der letzten Frage eine Auswertung erzeugt und man sich sowohl die getätigten Eingaben als auch die Auswertung per E-Mail zusenden lassen kann. Auf dem Bild 3 ist sehr deutlich ist zu erkennen, dass dieses System den Schwerpunkt auf der Heizungsregelung hat und damit für Anforderungen aus den anderen Bereichen kaum oder gar nicht geeignet ist.

Welches System für welche Verwendung?

Wenn man einige der infrage kommenden Systeme wie etwa KNX, EnOcean, LON, LCN, digitalstrom etc. erfasst, wird man überrascht sein, wie unterschiedlich diese sind. Dies ist dann wiederum hilfreich zur Beantwortung der Eingangsfrage, nämlich welches System für einen konkreten Fall das richtige ist oder zumindest in Betracht kommt. Beim Ausfüllen empfiehlt es sich,
sich darauf zu reduzieren, was man als funktionierendes System von einem Anbieter (sei es direkt vom Hersteller oder als geprüfte Gesamtlösung über einen Systemintegrator) beziehen kann oder selbst schon mal erfolgreich kombiniert hat. Wenn erforderliche Sensoren und Aktoren nicht im selben Katalog stehen, sondern mit dem Hinweis angeboten werden, man könne diese über
(trickreiche) Kopplungen verbinden, dann ist das eher Plug-and-pray statt Plug-and-play.

Bild: Krödel
Prof. Dr. Michael Krödel ist Professor für Gebäudeautomation
und -technik an der Hochschule Rosenheim sowie Geschäftsführer
des Instituts für Gebäudetechnologie. Er ist Mitglied im Ausschuss
zur VDI 3813/3814 (Raum-/Gebäudeautomation) und in
der Jury für den Award der SmartHome-Initiative. Der Schwerpunkt
seiner Arbeit
liegt darin, das Thema Gebäudeautomation über pragmatische
Vorgehensweisen
und Hilfsmittel für die Praxis anwendbar zu gestalten.
E-Mail: info@igt-institut.de
Telefon (0 89) 66 5919 73

Dieser Fachartikel ist zuerst in der SBZ 19-2017 erschienen.

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